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Lauf-Treff Buchs SG

Nur bis zur nächsten Verpflegungsstelle

28.07.2026 Laufbericht
Nur bis zur nächsten Verpflegungsstelle

Mein Weg über 400 Kilometer von Bad Ragaz nach Montreux Kann man 400 Kilometer am Stück laufen? Ehrlich gesagt: nicht im klassischen Sinn. Man bewegt sich einfach immer weiter. Man läuft, solange es geht, marschiert die Anstiege hoch, versucht die Abstiege kontrolliert hinter sich zu bringen, isst, schläft kurz – und beginnt danach wieder von vorne.

Der Crossing Switzerland 2026 führt von Bad Ragaz quer durch die Schweizer Alpen, meist dem Via Alpina entlang, bis nach Montreux. Knapp 400 Kilometer, rund 25’000 Höhenmeter und sieben Tage Zeit. Dazwischen liegen unter anderem der Pizol, der Klausen- und Surenenpass, die Grosse und Kleine Scheidegg, die Sefinenfurgge, das Hohtürli und am Schluss die Rochers-de-Naye. Die Strecke gilt selbst nach den Massstäben des Ultralaufens als extrem. 

Nach 145 Stunden, 41 Minuten und 5 Sekunden erreichte ich Montreux auf Rang 113. Von 335 Gemeldeten starteten 299. Nur 194 kamen ins Ziel, 105 mussten das Rennen vorzeitig beenden. Mehr als ein Drittel der Gestarteten schaffte es somit nicht bis Montreux.

 

Vom Kribbeln im Bauch bis an die Startlinie

Zwei Jahre zuvor hatte ich erstmals vom Crossing Switzerland gehört. Ich entdeckte die Homepage und sagte zu meiner Frau: «Das will ich einmal machen.» Schon beim Lesen spürte ich dieses Kribbeln im Bauch.

Damals war das Ganze noch weit weg. Nachdem ich im vergangenen Jahr meinen ersten 100-Kilometer-Lauf geschafft hatte, wurde die Idee konkreter. Ich entschied mich, das Abenteuer anzugehen.

Im Lauf des Rennens wurde mir allerdings bewusst, wie wenig Erfahrung ich im Vergleich zu vielen anderen Teilnehmenden hatte. In Gesprächen ging es um mehrere absolvierte 100-Meilen-Rennen, um den SwissPeaks und um andere extreme Ultras. Ich dagegen war in dieser Welt ein Newbie.

Die Vorbereitung verlief trotzdem sehr konsequent. Von Anfang Jahr bis kurz vor dem Start kamen rund 2400 Trainingskilometer, 87’000 Höhenmeter und etwa 290 Stunden zusammen. Viele Kilometer absolvierte ich auf dem Arbeitsweg. Dazu kamen lange Bergläufe, Mehrtagesbelastungen, technische Abstiege und eine Basecamp-Simulation: abends vier Stunden laufen, essen, duschen, Material auffüllen, rund drei Stunden schlafen und am frühen Morgen erneut mehrere Stunden starten.

Auch die Verpflegung testete ich intensiv. Eine selbst gemischte Kohlenhydratlösung aus Maltodextrin, Honig, Wasser und Salz wurde zur Grundlage meiner Rennverpflegung. Das Ziel der gesamten Vorbereitung war nie, möglichst schnell zu werden. Ich wollte robust genug sein, um immer wieder weitergehen zu können.

 

Sonne am Start, Regen am Pizol

Am Start in Bad Ragaz war ich erstaunlich wenig nervös. Bei 400 Kilometern kann man die ganze Aufgabe ohnehin nicht erfassen. Ich wusste nur: Wir laufen jetzt los. Die ersten Stunden wird es mir gut gehen. Um alles Weitere kümmere ich mich später.

Die Stimmung war grossartig, und sogar die Sonne zeigte sich. Allerdings war Regen angekündigt. Auf dem Weg zur Pizolhütte kam er dann auch. Wir wurden richtig nass.

Der erste Abschnitt bis Rüti GL hatte es mit fast 79 Kilometern und über 5300 Höhenmetern bereits gewaltig in sich. Die Abstände zwischen den Verpflegungsstellen waren lang. In Weisstannen und später in Elm konnten wir essen, trinken und unsere Vorräte auffüllen. Dazwischen waren wir über viele Stunden auf uns selbst gestellt.

Auf dem Abstieg nach Weisstannen knickte ich brutal mit dem Fuss um. Es schmerzte während der nächsten Kilometer erheblich. An einen Abbruch dachte ich noch nicht, aber bis zur Behandlung war es weit: Erst im Basecamp in Rüti, nach rund 77 Kilometern, konnte ich den Fuss untersuchen und tapen lassen.

Der letzte Abstieg nach Rüti wurde durch Regen, Dunkelheit und rutschigen Untergrund zusätzlich schwierig. Mehrere Läuferinnen und Läufer hatten dort Probleme. Ich kam glücklicherweise gut hinunter.

Damit war die erste Etappe geschafft. Gleichzeitig begann nun jener Teil des Rennens, der einen Ultra dieser Länge von einem normalen Wettkampf unterscheidet: essen, duschen, behandeln, schlafen – und wieder hinausgehen.

 

Basecamp: Essen, schlafen, wieder auferstehen

Die Basecamps waren unsere Fixpunkte. Sie befanden sich beispielsweise in Turnhallen oder Zivilschutzanlagen. Geschlafen wurde auf Matratzen am Boden oder, in der Luxusvariante, in richtigen Zivilschutzbetten. Es gab Duschen, warmes Essen, Physiotherapie und teilweise Podologinnen oder Podologen, welche Blasen und andere Fussprobleme professionell behandelten.

Ich war ohne persönliche Begleitcrew unterwegs. Einige Teilnehmende wurden von Familienmitgliedern oder Freunden begleitet. Im Basecamp standen ihre Helfer bereits bereit, zogen ihnen die Schuhe aus, brachten das Essen und bereiteten das Material vor.

Ich musste alles selbst erledigen. Ein grosser Dropbag wurde von Basecamp zu Basecamp transportiert. Darin befanden sich Ersatzkleidung, Verpflegung, Hygieneartikel und medizinisches Material. Nach der Ankunft musste ich duschen, essen, meine Ausrüstung ordnen, die Vorräte auffüllen und entscheiden, wie lange ich schlafen konnte.

Faszinierend war, wie gut der Körper selbst mit sehr wenig Schlaf regenerierte. Eine warme Mahlzeit, eine Stunde Schlaf, nochmals etwas essen – und plötzlich konnte ich wieder losgehen. Ausgeschlafen war ich natürlich nicht. Trotzdem fühlte es sich manchmal fast wie ein Neustart an.

In Rüti schlief ich ungefähr eine Stunde. Danach wartete der Weg über den Urnerboden und den Klausenpass nach Altdorf.

 

Tellergrosse Schmetterlinge auf dem Urnerboden

Der Aufstieg nach der kurzen Pause funktionierte zunächst gut. Schwierig wurde es auf einem langen und monotonen Flachstück auf einer Forststrasse über den Urnerboden.

Dort wurde ich so müde, dass ich während des Gehens immer wieder für Sekunden einschlief. Mein Körper machte Ausfallschritte, sobald ich wegsackte. Gleichzeitig begannen die Halluzinationen.

Ich sah ein ungefähr zehn Meter grosses Via-Alpina-Zeichen mitten in einer Wiese. Am Strassenrand lagen Menschen in Hängematten, und vor mir flogen tellergrosse Schmetterlinge. Es gab noch weitere Erscheinungen, an die ich mich heute nicht mehr genau erinnern kann.

Für einen Moment kam der Gedanke: Wie soll ich in diesem Zustand jemals bis Montreux kommen?

Genau in solchen Situationen zeigte sich die wichtigste mentale Strategie des gesamten Rennens: Ich durfte nicht an Montreux denken. Nicht an die verbleibenden 300 Kilometer, nicht an die kommenden Nächte und nicht an alle Pässe, die noch vor mir lagen.

Die einzige Frage lautete: Wie komme ich zur nächsten Verpflegungsstelle?

Alles Weitere war das Problem eines späteren Ichs.

Als der Weg zum Klausenpass wieder steiler wurde, kam auch die Wachheit zurück. Bergauf ging es mir meistens besser als auf flachen, monotonen Abschnitten. Vom Klausenpass führte der Weg hinunter nach Altdorf. Dort gönnte ich mir im Basecamp etwa anderthalb Stunden Schlaf.

Danach ging es erneut in die Nacht, diesmal über den Surenenpass in Richtung Engelberg.

 

Ein Bett aus Kissen

Engelberg war kein richtiges Basecamp, bot aber die Möglichkeit, sich kurz hinzulegen. Es gab zwar keine Betten für uns, aber ich sammelte einige Kissen zusammen und baute daraus am Boden eine provisorische Schlafstelle. Etwa anderthalb Stunden später zog ich wieder los.

Noch immer war es dunkel. Irgendwann wurde es Tag, und bei Melchsee-Frutt konnte ich mich erneut verpflegen. Danach ging es steil hinunter nach Meiringen.

Das Basecamp dort war hervorragend organisiert. Die Zivilschutzanlage war dunkel und ruhig, das Essen schmeckte ausgezeichnet, und ich konnte wirklich gut schlafen. Nach rund 185 Kilometern ging es mir insgesamt erstaunlich gut. Der umgeknickte Fuss hatte sich beruhigt. Die Müdigkeit und das Energiemanagement blieben zwar ständige Begleiter, ernsthafte Probleme hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

 

Die schönen Seiten des Crossing Switzerland

Von Meiringen führte die Strecke über die Grosse Scheidegg nach Grindelwald. Diesen Abschnitt konnte ich bei Tageslicht absolvieren. Die Landschaft war gewaltig, das Wetter passte, und nach den vielen Stunden in der Dunkelheit konnte ich die Aussicht richtig geniessen.

In Grindelwald kam ich gegen 21 Uhr an. Dort zeigte sich eine weitere Besonderheit des Rennens: Bei einem Basecamp wusste man, was einen erwartete. Bei normalen Verpflegungsstellen war das anders. Manchmal gab es einen grossen Raum, Wärme und Schlafmöglichkeiten auf Matten. Manchmal stand lediglich ein Zelt mit Getränken und etwas Essen bereit.

Wenn man mitten in der Nacht müde und ausgekühlt auf einen Posten zulief, konnte diese Unsicherheit mental schwierig sein. Kann ich mich hinlegen? Ist es warm? Oder muss ich nach zehn Minuten wieder hinaus in die Nacht?

In Grindelwald stand ein Zelt. Das war für mich in Ordnung, denn ich hatte in Meiringen geschlafen. Ich wollte nur essen, mich für die Nacht bereit machen und möglichst rasch weiterziehen.

Über die Kleine Scheidegg ging es durch die Dunkelheit. Danach folgte der lange Abstieg nach Lauterbrunnen. Zu diesem Zeitpunkt freute ich mich zunehmend auf die Aufstiege. Das klingt merkwürdig, aber bergauf hatte ich die Bewegung unter Kontrolle. Bergab sah es anders aus.

Bei einem normalen Berglauf empfindet man den Downhill vielleicht als Belohnung. Beim Crossing Switzerland waren die Abstiege das, was den Körper nach und nach zerstörte. Jeder Schritt wirkte auf Oberschenkel, Knie, Gelenke und Sehnen. Nach über 200 Kilometern gab es keine lockeren Downhills mehr.

In Lauterbrunnen machte sich erstmals das rechte Knie deutlich bemerkbar. Die Physiotherapeutin behandelte und tapte es. Danach begann die härteste Bergetappe des Rennens.

 

55 Kilometer, 4500 Höhenmeter – und ein dickes Knie

Von Lauterbrunnen ging es über Mürren zur Sefinenfurgge, danach über das Hohtürli nach Kandersteg und schliesslich weiter nach Adelboden. Rund 55 Kilometer und etwa 4500 Höhenmeter lagen vor mir.

Der Aufstieg nach Mürren funktionierte noch gut. Dort verpflegte ich mich im Coop und machte mich danach auf den Weg zur Sefinenfurgge. Nun begann das Knie zu schmerzen – zunächst interessanterweise sogar bergauf, später vor allem in den Abstiegen.

Nach einer Pause bei der Bundalp erreichte ich das Hohtürli glücklicherweise bei Tageslicht. Der höchste Punkt des gesamten Rennens liegt auf rund 2800 Metern. Über steile, in den Fels gebaute Treppen ging es hinauf. Die Umgebung bei der Blüemlisalp war eindrücklich.

Auf der anderen Seite wartete ein steiler Abstieg nach Kandersteg.

Dabei begann mein Knie sichtbar anzuschwellen. Es wurde immer dicker, und ich zweifelte ernsthaft daran, ob ein Weiterlaufen möglich oder überhaupt vernünftig war. Nach mehr als 250 Kilometern war ich fast überzeugt, dass mein Rennen hier enden würde.

Natürlich hätte ich bereits sehr viel erreicht. Aber es wäre kein Finish gewesen.

Auf dem Abstieg traf ich einen erfahrenen Ultraläufer. Wir gingen gemeinsam Richtung Kandersteg. Er beruhigte mich, erzählte von ähnlichen Problemen und baute mich mental wieder auf. Trotzdem wollte ich nicht einfach blind weiterlaufen.

In Kandersteg untersuchte mich glücklicherweise eine Ärztin. Sie gab mir die Erlaubnis, weiterzugehen. Das Knie wurde gekühlt – mangels anderer Möglichkeiten mit einer Packung tiefgekühlter grüner Bohnen.

So lag ich also nach über 250 Kilometern mit einem geschwollenen Knie, einer Packung Bohnen auf dem Bein und der Frage im Kopf, ob ich Montreux noch erreichen würde.

Die Verpflegungsstelle wurde von Erich aus Sargans betreut. Wir unterhielten uns, machten Sprüche und hatten trotz allem viel Spass. Ich konnte etwas schlafen und machte mich danach auf den Weg nach Adelboden.

Der Abschnitt war mit dem Knie streng, aber machbar. Der Tiefpunkt war überwunden.

 

Viel Zucker und erstaunlich wenig Magenprobleme

Während des gesamten Rennens war die Energiezufuhr entscheidend. Als Grundlage trug ich jeweils meine selbst gemischte Kohlenhydratlösung aus Maltodextrin, Honig und Salz mit. Dazu trank ich praktisch nur isotonische Getränke und ass an den Verpflegungsstellen möglichst viel.

Normales Wasser trank ich kaum. Meine Überlegung war simpel: Wenn ich schon Flüssigkeit aufnehme, sollte sie möglichst auch Energie liefern.

Die Strategie funktionierte. Trotz der enormen Menge an Zucker und Kalorien hatte ich während des gesamten Rennens keine Magenprobleme. Das ist bei solchen Distanzen keineswegs selbstverständlich. Irgendwann wurde allerdings meine Zungenspitze durch die dauernde süsse Verpflegung sehr empfindlich.

Auch die Füsse veränderten sich. Sie wurden nicht unbedingt länger, aber deutlich dicker und höher. Weil ich grundsätzlich bereits einen hohen Rist habe, reichten irgendwann fast die Schnürsenkel nicht mehr aus, um die Schuhe zu binden. Die zwei Nummern grösseren Reserveschuhe benötigte ich glücklicherweise trotzdem nicht.

 

Noch 100 Kilometer

Von Adelboden nach Les Diablerets waren die Schmerzen zunehmend vorhanden. Gleichzeitig waren es «nur noch» rund 100 Kilometer.

Natürlich sind 100 Kilometer immer noch weit. Aber die Situation hatte sich verändert. Ich hatte genügend Vorsprung auf die Cut-off-Zeit. Selbst wenn ich sehr langsam werden sollte, musste ich nicht mehr um das Zeitlimit kämpfen.

Für meine Zeitplanung hatte ich vor dem Rennen mit durchschnittlich vier Kilometern pro Stunde in Bewegung gerechnet. Am Anfang funktionierte das gut. Gegen Ende wurde ich langsamer, hatte mir aber genügend Reserve geschaffen.

Nun wusste ich: Solange nichts medizinisch Gefährliches passiert, ziehe ich das durch.

Der Abschnitt Richtung Iffigenalp war landschaftlich wunderschön. Oben erlebte ich einen eindrücklichen Sonnenuntergang. Danach ging es in die nächste Nacht.

Entlang eines Flusses wurde es plötzlich sehr kalt. Vor dem Rennen war mir nicht bewusst gewesen, wie stark die Temperatur in der Nacht in unmittelbarer Nähe eines Gewässers sinken kann. Ich kam völlig durchgefroren an der nächsten Verpflegungsstelle an und hoffte nur, dass dort nicht bloss ein Zelt stehen würde.

Es war ein kleiner, beheizter Raum.

Dort wurden frische Tacos für die Läufer zubereitet. Ich ass gleich zwei. Es waren die besten Tacos meines Lebens.

Die wenigen Schlafplätze waren bereits besetzt. Bis zum nächsten Basecamp waren es noch ungefähr fünf Stunden. Also entschied ich mich, weiterzugehen. Lieber am frühen Morgen Les Diablerets erreichen, dort schlafen und danach mit möglichst viel Tageslicht zur letzten Etappe starten.

Am Morgen kam ich wie geplant im Basecamp an.

 

Die letzte Nacht

Auf der letzten Etappe nach Montreux hatte ich vor allem vor dem Schlussabstieg Respekt. Von den Rochers-de-Naye ging es rund 1600 Höhenmeter hinunter zum Genfersee. Mit müden Füssen und dem schmerzenden Knie würde das nochmals hart werden.

Bei einer der ersten Verpflegungsstellen nach ungefähr 350 Kilometern fühlte ich mich überraschend energiegeladen. Ich ass, unterhielt mich mit einigen Läufern, denen ich bereits mehrfach begegnet war, und freute mich sogar auf den nächsten Aufstieg.

Später erreichte ich Luan mit dem letzten Tageslicht. Eigentlich hatte ich geplant, dort länger zu schlafen und dadurch die Nacht etwas abzukürzen. Es gab zwar eine Hütte, wir durften jedoch nicht hinein. Neben dem Gebäude standen unter einem Pavillon einige aufgeblasene Matratzen.

Ich wusste: Wenn ich hier lange schlafe, werde ich auskühlen.

Also ass ich, stellte einen Timer und legte mich für eine halbe Stunde hin. Danach ging ich weiter.

Es folgte ein mehrere Kilometer langer Grat. Der Weg war nicht besonders felsig, doch auf beiden Seiten fiel das Gelände steil ab. Nach rund 380 Kilometern, im Dunkeln und mit angeschlagenen Beinen, fragte ich mich durchaus, ob dies noch eine besonders gute Idee war.

Immerhin hatte der Grat einen Vorteil: Müdigkeit war dort kein Thema. Ich musste mich so stark auf jeden Schritt konzentrieren, dass für Sekundenschlaf kein Platz blieb.

An der letzten Verpflegungsstelle erwarteten mich zwei sympathische Niederländer in einer Berghütte. Im Ofen brannte ein Feuer, der Raum war warm. Ich ass und schlief nochmals etwa eine halbe Stunde auf einer Bank.

Dann begann der letzte Aufstieg.

 

Montreux im Sonnenaufgang

Als ich die Rochers-de-Naye erreichte, ging gerade die Sonne auf. Zum ersten Mal sah ich Montreux und den Genfersee unter mir.

Jetzt musste ich nur noch dort hinunter.

«Nur noch» bedeutete allerdings ungefähr dreieinhalb Stunden Abstieg und rund 1600 negative Höhenmeter. Rennen konnte ich schon lange nicht mehr. Also schaltete ich den Kopf aus und ging los.

Der Abstieg funktionierte überraschend gut. Die Kilometer wurden weniger, der See kam näher, und irgendwann erreichte ich Montreux.

Dort warteten meine Frau und meine Kinder.

Dieses Bild hatte mich während des gesamten Rennens getragen. Ich glaube nicht, dass ich ohne meine Familie im Ziel den Crossing Switzerland beendet hätte. In schwierigen Momenten stellte ich mir vor, wie sie in Montreux auf mich warten würden.

Auch die vielen Nachrichten von Freunden, Verwandten, Kolleginnen und Kollegen waren enorm wichtig. Ich hatte vor dem Start erklärt, dass ich unterwegs kaum antworten könne, mich aber über jede Nachricht freuen würde. Immer wieder veröffentlichte ich kurze Videos und erhielt Reaktionen darauf. Dadurch war ich zwar allein und ohne Begleitcrew in den Bergen unterwegs, fühlte mich aber nie wirklich allein.

Die letzten Meter lief ich gemeinsam mit meiner Familie. Nach knapp sechs Tagen und zwei Stunden überquerte ich die Ziellinie. Der Rennleiter hängte mir die Medaille um und überreichte mir das Finisher-Shirt.

Ich hatte es geschafft.

 

Was nach 400 Kilometern übrig bleibt

Im Ultralaufen gibt es das Bild, dass unter extremer Belastung die äusseren Schichten eines Menschen nach und nach abgeschält werden. Irgendwann bleibt nur noch der eigentliche Kern übrig.

Ob dieses Bild stimmt, weiss ich nicht. Aber mir hat gefallen, was ich während dieser Tage von mir gesehen habe.

Ich wurde trotz Müdigkeit und Schmerzen nicht mürrisch. Ich blieb optimistisch, konnte mich über Kleinigkeiten freuen und machte weiterhin Sprüche mit Helferinnen, Helfern und anderen Läufern. Selbst wenn der Körper völlig am Ende war, ging es mir innerlich meistens gut.

Ich habe gelernt, dass ich mich sehr konsequent auf ein Ziel fokussieren und stur daran arbeiten kann. Noch wichtiger war aber eine andere Erkenntnis: Man muss nicht stark genug für 400 Kilometer sein.

Man muss nur stark genug sein, um die nächste Verpflegungsstelle zu erreichen.

Und dort beginnt alles wieder von vorne.

 

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